IGNATIANISCHE  EXERZITIEN



 

Alles zu größerer Ehre Gottes

Aussagen über geistliche Begleitung bei Exerzitien aus dem Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola:

Denn nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Innerlich-die-Dinge-Verspüren-und-Schmecken. (GÜ 4)

So ist es doch in diesen geistlichen Übungen beim Suchen des göttlichen Willens angebrachter und viel besser, dass der Schöpfer und Herr selbst sich seiner frommen Seele mitteilt,  indem er sie zu seiner Liebe und seinem Lobpreis umfängt und sie auf den Weg einstellt, auf dem sie ihm fortan besser dienen kann.  (GÜ 15)

Der die Übungen gibt, soll sich also weder zu der einen Seite wenden oder hinneigen noch zu der anderen, sondern in der Mitte stehend wie eine Waage unmittelbar den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn. (GÜ 15)

Jeder gute Christ muss bereitwilliger sein, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener sie versteht und versteht  jener sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe. (GÜ 22)

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IGNATIANISCHE  EXERZITIEN


    Vor einiger Zeit hielt ich vor Schwestern eines evangelischen Konvents einen Vortrag über Exerzitien. Ich kam mir dabei vor wie einer, der über ein Kochbuch zu sprechen hat.

    Ursprung der Exerzitien

    Die Anfänge der Exerzitien gehen zurück auf eine Erfahrung des Ignatius von Loyola, die er 1521 auf dem Krankenlager und in den folgenden Monaten und Jahren seines Lebens             machte. Als er seine Gedanken und Stimmungen beobachtete, merkte er, wie unterschiedlich diese sich auswirkten. Weiterführende Erfahrungen der Freude, der Ruhe, der Ermutigung         und Hoffnung ordnete er dem guten Geist zu; andere, die ihn traurig stimmten, verzweifelt machten und lähmten, führte er auf den bösen Geist zurück. Die Geschichte dieser                
    Erfahrungen sind uns im Pilgerbericht zugänglich. Indem Ignatius sich auf die Seite der tröstenden Erfahrungen stellte, und den inneren Bewegungen, die ihnen zugrunde lagen, folgte,     gelang es ihm, sein Leben neu zu ordnen und sich Gott zur Verfügung zu stellen. Diesen langwierigen Prozeß zusammenfassend, beschreibt er später im Exerzitienbüchlein den Sinn der     Übungen so: "Geistliche Übungen nennt man jede Weise, die Seele vorzubereiten und in Bereitstellung zu setzen, dazu hin, alle ungeordneten Hinneigungen von sich zu tun, und             nachdem sie abgelegt sind, den göttlichen Willen zu suchen und zu finden in der Einrichtung des eigenen Lebens zum Heile der Seele." Auch wenn der sprachliche Ausdruck etwas sperrig     wirkt, so ist die Aussage sehr realistisch und präzis.

    Für solche Übungen gibt Ignatius ganz genaue Anweisungen in seinem Büchlein. Aber es genügt nicht, die darin beschriebenen Übungen nacheinander allein für sich zu machen. Es ist     ein Exerzitienbegleiter notwendig, der die Erfahrung der Exerzitien schon öfters bei sich selbst gemacht hat. So kann er für den, der die Übungen macht, das auswählen, was diesem am     ehesten hilft und ihn in durch das tägliche Gespräch begleiten..

        Formen der Exerzitien

    Im Lauf der Geschichte hat es verschiedenste Formen der Exerzitien gegeben. Viele werden sich an die gepredigten Vortragsexerzitien, erinnern, bei denen für 30-100 Leute mehrere     Vorträge pro Tag zu Glaubensfragen und Themen des religiösen Lebens gehalten wurden und werden: Gott, unser Schöpfer; Sünde, Umkehr, Erlösung durch Jesus Christus, an der wir     vor allem durch das Bußsakrament Anteil bekommen; Nachfolge Christi, Feier der Eucharistie; Gebet. Diese Bereiche kommen in solchen Exerzitien meist zur Sprache. Das Ziel dieser         Tage war eine gute Beichte. Überdies sollten Orientierungshilfen für das  Glaubensleben gegeben werden. Die Einübung in das Glaubensleben und noch mehr die persönliche Führung         des Einzelnen kommen dabei wegen der großen Teilnehmerzahl zu kurz.

    Einzelexerzitien

    Die ursprüngliche Form der Exerzitien, die wieder neu entdeckt worden ist, sind Einzelexerzitien ohne Vorträge, wo ein Begleiter eine bis zehn Personen über eine Zeit von 5-30 Tagen         begleitet. Täglich ein bis zweimal trifft er sich mit dem Exerzitanten und erfährt im Gespräch, wie es dem Übenden bei seinen Betrachtungen ergangen ist, was für ihn wichtig war. So         kann er herausfinden, wo er den Exerzitanden stützen muß, welchen Meditationsstoff er ihm anbietet, ob er ihm eher zu einer vertiefenden Wiederholung der vorangehenden Betrachtung     rät. Das Gespräch hilft dem Exerzitanten, besser zu sehen und zu formulieren, was in ihm vorgeht, gibt ihm auch Mut, manche Dinge anzuschauen, die er ohne ein solches lebendiges         Gegenüber nie gewagt hätte anzusehen. Solche Einzelexerzitien, die heute bei Ordensleuten, Priestern und Laien mehr gefragt sind, erfordern mindestens eine Zeit von sechs, besser von     acht bis zehn Tagen.

    Exerzitien im Alltag

    Es gibt auch noch eine andere Form: Exerzitien im Alltag. Diese dauern einen längeren Zeitraum von Wochen und Monaten. Der Exerzitant geht weiter seiner Arbeit nach, nimmt sich aber     täglich einen Freiraum für Gebet und Betrachtung und trifft sich regelmäßig einmal pro Woche mit seinem Begleiter. Diese Form hilft dazu, den Alltag sehr bewußt aus dem Glauben zu     leben und zu gestalten.

    Voraussetzungen

    Welche Voraussetzungen für Exerzitien sind nun notwendig? Der Exerzitant muß bereit sein, beim Hören und Meditieren der Botschaft Christi in einen Prozeß der Selbsterkenntnis             einzusteigen, in dem er seine ungeordneten Neigungen erkennt und ablegt. Dies ist nicht nur eine Sache des Willens, - viele würden vielleicht zweifeln, dass dies überhaupt möglich ist -,     sondern eine Sache der Gnade Gottes, der in der Seele des Einzelnen wirken will. Von ihm stammt ja letzlich auch der Wunsch des Exerzitanten, so an sich zu arbeiten und arbeiten zu         lassen. Jesus fragt die Menschen, die zu ihm kommen, immer wieder: "Was willst du, dass ich dir tun soll, und glaubst du, dass ich dich heilen kann?" Großes Vertrauen in das Wirken         Gottes ist also notwendig.

    Standortbestimmung

    Was geschieht nun in solchen Tagen der Besinnung und des Gebetes? Zuerst geht es um eine Standortbestimmung ganz persönlicher Art: Was bewegt und beschäftigt mich jetzt? Dann     allgemeinerer Art, zu sehen, was Ziel und Aufgabe des Menschen im Schöpfungszusammenhang ist, sozusagen ein Idealbild, so wie Gott den Menschen geschaffen hat. Der Exerzitant         wird sich fragen, inwieweit er in seiner Haltung und seinem Tun diesem Bild entspricht, inwieweit er ihm widerspricht, wo Hindernisse sind, die er abbauen müßte, wo es Möglichkeiten         für ihn gibt, durch die er wachsen kann. Sich so im Lichte Gottes anzuschauen, ist eigentlich nur möglich, wenn man glaubt, dass Gott uns unendlich liebt und dass er selbst Ziel und         Inhalt des ganzen Lebens ist.

    Da er uns durch seinen Sohn erlöst hat von aller falschen Selbstbezogenheit, ist es die Aufgabe, in den 4 - 5 einstündigen Betrachtungen täglich der Evangelien zusammen mit Christus     die eigene Sendung und Berufung zu erkennen, um Gott besser dienen zu können, und eine Kurskorrektur da vorzunehmen, wo es notwendig ist.

    Hilfen auf dem Weg

    Hilfen auf diesem Weg sind Betrachtungen des Lebens Christi. Eine andere Hilfe ist Abgeschiedenheit, möglichst an einem Ort, wo man vom Alltagsgeschehen frei ist und Zeiten des         Schweigens gut möglich sind. Hilfe ist auch der Besuch der heiligen Messe, damit der Exerzitant nicht nur sich selbst überlassen, sondern eingebettet ist in den objektiven                         Erlösungzusammenhang.Hilfe ist das tägliche Gespräch mit dem Begleiter.

        Wie oft und wielange macht man  Exerzitien?

    Den Ordensleuten ist empfohlen, jährlich 6 - 8 tägige Exerzitien zu halten. Aber auch viele Laien haben entdeckt, dass dies für ihre geistliche Orientierung und Vertiefung notwendig ist.     So ziehen sie sich im Rhythmus von ein bis zwei Jahren gemeinsam oder allein zu Zeiten des Gebetes zurück.
   
    Die großen Exerzitien (30 Tage) sind für manche Orden wie dem Jesuitenorden ein bis zweimal im Leben vorgeschrieben im Noviziat und im Tertiat (die dritte Probezeit). Ignatius selbst     schreibt am Ende seines Lebens: "Die großen Exerzitien würde ich ganz wenigen geben, und zwar Leuten von hoher Bildung, angesehener Stellung und großem Heilsverlangen oder guter     Eignung für die Gesellschaft. Sonst würde ich nur die Exerzitien der ersten Woche (Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit) geben und mit der Generalbeichte und einigen Anleitungen zur     Gewissensprüfung schließen. Die Wahlbetrachtung (Entscheidung über den eignen Lebensstand) würde ich nur in den seltensten Fällen geben, nur bei Leuten, die sehr aufs Geistige         gerichtet sind und uns nachher nicht in Verruf bringen. .., als wollten wir sie arm machen, indem wir sie für die evangelischen Räte oder die Gesellschaft anzuregen suchten."

   Ignatius schreibt 1536 an Miona über die geistliche Übungen:
   "da es doch das Allerbeste ist, was ich in diesem Leben denken, verspüren und verstehen kann, sowohl dafür, daß sich der Mensch selber nützen kann, wie dafür, Frucht bringen und    vielen anderen helfen und nützen zu können."
Gundikar Hock sj   
 
 




 


             Die Bedeutung der Exerzitien (P. Arrupe)
 
"Der hl. Ignatius wäre durch die heutigen Verhältnisse nicht verwirrt worden, so schwierig sie sein mögen und so sehr sie die Gemüter zu erregen vermögen; denn er hat seine Exerzitien nicht an Menschen abgeklärter Ruhe gerichtet, und er hat in seinen Schülern große Erwartungen vorausgesetzt und zu erfüllen gesucht, indem er zu innerer Läuterung und zur Gleichförmigkeit mit Christus führte; in dieser inneren Spannung sah er das heimliche Wirken des Heiligen Geistes und für unsere Freiheit die Chance, uns zu hervor- ragendem Dienst zur Verfügung zu stellen.
Denn wer vor solchen Entscheidungen steht, muss sich für den Augenblick innerer Erleuchtung vorbereiten; das aber geschieht, indem man sich den Regungen des Geistes mehr und mehr überlässt und sie von anderen Antrieben unterscheidet.
Diese Unterscheidung der Geister wie auch die Deutung der objektiven Anzeichen des Willens Gottes vollzieht sich im Blick auf den Herrn im Evangelium; dabei fragt und sucht der Verstand und das vom Glauben erleuchtete Gewissen und lässt sich dabei vom Fühlen mit der Kirche, ihrer Tradition, ihrer Lehre leiten. 
 Die Exerzitien sind gedacht, zur Wahl eines Lebensstandes zu helfen oder eine schon getroffene Wahl zu bestätigen oder den Exerzitanten zur Erneuerung seines Lebens anzuleiten. 
 In den Exerzitien wollen wir versuchen, uns den Wirklichkeiten, die Ignatius uns zur Betrachtung vorlegt, gläubig, schlicht und ernst zu stellen, und in demütiger Liebe auch vor den letzten Konsequenzen nicht auszuweichen.
Im Sinn ignatianischer Führung wollen wir jedes der Themen als "an uns persönlich gerichtet" betrachten, z.B. das "Magis", das jede Mittelmäßigkeit ausschließt; das Frei-Sein von aller Ichbezogenheit, das Vorbedingung jeder Wahl des Besseren ist; den Ruf des Herrn, der uns zu persönlicher Freundschaft einlädt; den Willen Gottes, dass wir in allen Menschen und überhaupt in allem Ihn lieben und Ihm dienen, und dabei noch dem den Vorzug geben, was uns mehr von aller Eigenliebe freimacht."
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(Aus dem Brief von P. General Pedro Arrupe an die  Gesellschaft Jesu vom 2.1.67: Unsere Antwort auf die Dekrete der 31. General- kongregation; 31. GK S. II,VI,VIIf.)

Die Exerzitien helfen, Christen zu formen, denen eine persönliche Erfahrung des erlösenden Gottes geschenkt wird, und die zugleich fähig werden, sich von den Irrtümern, der Ideologien und Systemen zu distanzieren und doch, wo immer es nötig ist, mitzuirken an der Erneuerung der sozialen und kulturellen Strukturen. (32. Generalkongregation Dekret 4,58)

 

 
Bücher zum Thema Exerzitien

Aus der umfangreichen Literatur seien hier nur einige wenige genannt, die nicht im eigentlich Sinn wissenschaftliche Werke, sondern hilfreiche und gehaltvolle Einführungen in die ignatianische Spiritualität und die Exerzitien sind.

Kiechle, Stefan: Ignatius von Loyola. Meister der Spiritualität. Freiburg 2001. -
    Einführung in sein Leben, sein Werk und seine  Spiritualität - in ihrer Bedeutsamkeit für das Heute.

Lambert, Willi: Aus Liebe zur Wirklichkeit. Grundworte ignatianischer Spiritualität. Grünewald 2000 (5. Aufl.) - In Kurzartikeln werden ca. 60 Grundworte - in der Ordnung des Exerzitienweges -dargestellt.
Lambert, Willi: Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit, 
  Johannes-Verlag, Leutesdorf
Lambert, Willi: Beten im Pulsschlag des Lebens. Gottsuche mit Ignatius
von Loyola. Freiburg 1997, S. 316. - Ausführliche Darstellung der Gebetsweisen von Ignatius.
Lambert, Willi: Die Kunst der Kommunikation. Entdeckungen mit Ignatius von Loyola. Freiburg 2000 (2. Aufl.), S. 253.- Die Entdeckung von Ignatius als Meister der Kommunikation.
Lambert, Willi: Das siebenfache Ja. Exerzitien ein Weg zum Leben.
Echterverlag 2003

Köster, Peter: Zur Freiheit berufen. Kleiner Kommentar zu den Großen Exerzitien des hl. Ignatius. Leipzig 1999. - Für Leser und Kenner des Exerzitienbuches. Sorgfältig werden die Struktur und die Erfahrungen des Exerzitienweges herausgearbeitet.

Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien
Einzige - zweimal jährlich erscheinende - Zeitschrift zu Praxis und Theorie der Exerzitien. Sekretariat SJ für Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL),

Bei St. Ursula 5, 86150 Augsburg

Tel.: 0821 34668-0, Fax: -20

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Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen, 
übers. Von P. Knauer, Würzburg 1999
Ignatius von Loyola: Bericht des Pilgers, 
übers. und kommentiert von Peter Knauer, Leipzig 1990

Alex Lefrank:  Umwandlung in Christus. Die Dynamik des Exerzitien-Prozesses. Echter, 2009

 

 

letzte Änderung: 12.5.2019
 

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